Das Allegro molto in C "del Signore Giovane Wolfgango Mozart"
im Klavierbuch "Sterzing 1780"

Von Hildegard Herrmann-Schneider

Die sorgfältige Dokumentation und die gründliche Erforschung musikhistorischer Primärquellen, insbesondere von Musikhandschriften in übergreifender Zusammenschau, gestatten oft erstmalige, auf andere Weise kaum erzielbare Erkenntnisse zu verschiedensten Teilbereichen der Musikgeschichte. Dies betrifft nicht nur deren periphere Phänomene, sondern gerade auch die Vermehrung von Wissen zu herausragenden Persönlichkeiten, Komponisten, Musikern, zu ihrem Werk oder etwa zu Strukturen einstiger Musikinstitutionen. Dies erweist sich immer wieder von Neuem.

Es erscheint fast unglaublich, dass im Zuge der RISM-Arbeit der Verfasserin neben zahlreichen, neu aufgedeckten Fakten zur lokalen Musikgeschichte auch Forschungsergebnisse präsentiert werden konnten, die international relevante, seit langem in Fachkreisen wiederholt diskutierte, doch offene Fragestellungen betrafen: 1996 wurde der tatsächliche Autor der sogenannten Kindersinfonie, nämlich Edmund Angerer OSB identifiziert. 2007 erfolgte mit bis dahin unbekanntem Ansatz die zweifelsfreie Identifizierung von Mozarts sog. Spaur-Messe mit KV 257, dazu die Identifizierung des Notenmaterials ihrer Uraufführung von 1776. Dabei ergab sich die eindeutige Bestätigung der in der neueren Mozart-Literatur kaum wahrgenommenen Theorie von Alain Tyson aus dem Jahr 1987, dass die Missa solemnis KV 257 im November 1776 komponiert worden sei und folglich als Spaur-Messe zugelten habe. 2008 gelang die schlüssige Darlegung, dass die beiden Tantum ergo von Mozart KV 142 (Anh. C 3.04) und KV 197 (Anh. C 3.05) zweifelsohne echte Werke sind und somit in den Hauptteil des Köchel-Verzeichnisses gehören.(1)

2011 stieß die Verfasserin, während der Erfüllung alltäglicher Aufgaben zur wissenschaftlichen Erschließung musikalischer Quellen in Tirol, Südtirol und der Franziskanerprovinz Austria, die auch unter dem Aspekt der Denkmalpflege musikalischen Kulturguts geschehen, auf eine gegen 1780 gefertigte Sammelhandschrift mit Musik für Tasteninstrumente, überwiegend wohl für Klavier (Cembalo, Clavichord), weshalb hier summarisch der Terminus "Klavierbuch" gestattet sei. Darin ist ein Klavierstück Allegro molto, C-Dur, notiert, das die Autorenangabe "Del Signore Giovane Wolfgango Mozart" trägt, im Köchel-Verzeichnis nicht nachgewiesen und bislang in keiner weiteren kongruenten Überlieferung bekannt ist. Somit drängt sich dem im Umgang mit Primärquellen versierten Musikwissenschaftler sofort die Frage auf: Liegt hier eine gerade in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts häufig anzutreffende falsche Behauptung von Autorschaft vor? Oder ist der Kopftitel des Stücks doch zu Recht geschrieben? Hätten wir dann einen "neuen Mozart" vor uns?

Für eine mögliche Lösung dieser Problematik war es also nötig, der Sammelhandschrift insgesamt detaillierte Aufmerksamkeit zu widmen, ungleich mehr, als dies sonst in der täglichen Routinearbeit bei RISM geschehen kann. Gewissenhaft wurden umfangreiche Recherchen zum Kontext der Quelle durchgeführt, soweit sie derzeit möglich waren. Dabei eröffneten sich Konstellationen, die es erlauben mögen, das Allegro molto in C-Dur im Klavierbuch "Sterzing 1780" mit ziemlich hoher Gewissheit als bislang unbekanntes Stück von Wolfgang Amadé Mozart anzusehen. Die Argumente dafür seien im Folgenden erläutert.

Darüber hinaus konnte die Sammelhandschrift, die dieses Allegro molto enthält, trotz der Datierung "Sterzing 1780", zumindest in ihrer Grundsubstanz als ein primäres Zeugnis musikpädagogischer Tradition im Kapellhaus zu Salzburg, an dem zum Beispiel Leopold Mozart Klavierlehrer war, erkannt werden. Mithin stellt die Handschrift sui generis eine Rarität dar; auch dieser Befund wird kommentiert. Außerdem erfolgt ein exemplarischer Einblick in den Usus des Adaptierens von Gebrauchsmusik um 1800. Es wird geschildert, dass eben dieses Allegro molto aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts transferiert und dabei im Lauf der Zeit, nach individuellem Bedarf und Geschmack zurecht gemacht wurde, bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts.

Zur jüngsten Provenienz der Sammelhandschrift
Partia & Praeambulum mit dem Vermerk "Sterzing 1780"

Im Jahr 2010 ging das ehemalige Wohnhaus von Ignaz Dreier in Elbigenalp im Tiroler Lechtal in neues Eigentum über. Ignaz Dreier (* 12. Mai 1908 Bach/Lechtal, 15. Juni 1981 Elbigenalp) war Volksschuldirektor, von 1927 bis 1959 Kapellmeister der Musikkapelle Elbigenalp, ferner Organist und Chorleiter der Pfarrkirche Elbigenalp gewesen.(2) Beim Räumen des Dachbodens von Dreiers Wohnstätte jetzt kam ungeahnt ein längst vergessener Musikalienbestand mit mehreren hundert interessanten Handschriften und Drucken, darunter Rarissima, zum Vorschein. Er datiert vom späten 18. Jahrhundert bis gegen die Mitte des 20. Jahrhunderts. Geistliches wie weltliches Repertoire macht seinen Inhalt aus. Weitgehend spiegelt er die hier äußerst bemerkenswerte Musikpraxis in einem kleinen Tiroler Dorf wider. An diese erinnern heute auch noch der alte Notenbestand in der Pfarrkirche St. Nikolaus Elbigenalp, das anonyme Positiv mit drei Registern aus der Zeit um 1770 in ihr oder die beiden auffallend zentral, an der Brüstung der Orgelempore positionierten musizierenden Putti mit Laute und Gambe in einer Freskokartusche aus dem Jahr 1776 vom berühmten Maler Johann Jakob Zeiller (* 1708 Reutte/Tirol, 1783 ebenda). Als Beispiel für die beachtliche Musikpflege in Elbigenalp sei im Kontext "Mozart" herausgegriffen, dass sich im historischen Notenbestand der Pfarrkirche zwei seltene Mozart-Drucke befinden: die Missa ex F a 4 Vocibus ordinariis 2 Violinis et Organo a D. W. A. Mozart (KV 192) und die Missa ex D a 4 Vocibus ordinariis 2 Violinis et Organo a D. W. A. Mozart (KV 194), beide erschienen in Augsburg bei Lotter & Sohn 1844.(3)

Ignaz Dreier dürfte seine Notensammlung weitgehend selbst angelegt haben. 1946 hat er sie kursorisch inventarisiert. Reinhold Schrettl aus Vils im Tiroler Außerfern, langjähriger Obmann des Museumsvereines Vils, hat sie gleich nach ihrer Entdeckung 2010 sichergestellt und die Verfasserin um eine fachmännische Sichtung und Beurteilung gebeten. Augenblicklich fiel bei deren Durchführung die Sammelhandschrift auf, die das hier als Mittelpunkt gegenständliche Allegro molto "Del Signore Giovane Wolfgango Mozart" enthält. Auf ihrem bei der Auffindung vom vorderen, kaschierten Einbandblatt losgelösten Titeletikett ist in verblassten goldfarbenen Druckbuchstaben zu lesen: Partia & Praeambulum. 2011 konnte, vor allem auch mit finanzieller Unterstützung des Landes Tirol, der ganze Musikalienfundus Ignaz Dreier in das Eigentum des Museums Grünes Haus in Reutte überstellt und dort dem bereits vorhandenen, vorrangig Außerfern-relevanten kleinen Musikarchiv im Museum angegliedert werden. Wie und auch letztlich von wo aus das zumindest zeitweise gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Sterzing/Südtirol gebrauchte Klavierbuch ins Außerfern gelangte, ist gegenwärtig fraglich. In seinem Inventar der Kirchenmusiknoten. Eigentum: Ignaz Dreier Lehrer, "aufgenommen am 7. September 1946", ist auf S. 13 in der Rubrik "VIII. Orgelwerke" unter Nummer 22 von Dreier eingetragen und rot gerahmt: "Präludien von Johannes Reisserer, Störzing anno 1780".(4) Zwar trifft diese Formulierung so nicht zu, da "Johannes Reisserer" nicht der Autor der Präludien ist, doch bezieht sich dieser Titel eindeutig auf das Klavierbuch "Sterzing 1780". Das belegt einerseits der handschriftliche Vermerk auf f. 1v des Umschlagblatts der Handschrift, auf den gleich noch näher eingegangen wird, andererseits der Stempel "Ignaz Dreier Lehrer" auf f. 1r des Umschlagblatts, mit der "Inv[entar] N[umme]r VIII/22" darüber. Mit rotem Rahmen kennzeichnete Dreier laut eigener Erklärung im Inventar "alte" Musikalien. Es liegt nahe anzunehmen, dass das Klavierbuch schon längere Zeit vor 1946 in Elbigenalp gelegen hat.

Aufgrund seines außerordentlich hochwertigen Inhalts hat die Verfasserin umgehend das Klavierbuch "Sterzing 1780" wissenschaftlich katalogisiert, damit einen grundlegenden Beitrag für seine Konservierung, gleichzeitig für seine mögliche Nutzung geschaffen. Die ausführliche Beschreibung der Handschrift (Signatur nun A-RTgh Mus.ms. Slg.IgDr 1) ist im RISM-OPAC publiziert (2011). Ihr Inhalt von in Summe 130 Klavierstücken ist dort aufgelistet, jedes Stück einzeln erfasst und nach gegenwärtig aktuellem Forschungsstand dokumentiert.(5) An dieser Stelle wird lediglich auf diejenigen Komponenten der physischen Beschaffenheit und des Inhalts der Handschrift eingegangen, die zur Klärung beitragen, ob der Hinweis "Del Signore Giovane Wolfgango Mozart" zum Allegro molto in C-Dur tatsächlich korrekt ist.

Die äußere Beschaffenheit der Handschrift

Schon das Erscheinungsbild der Sammelhandschrift von außen spricht dafür, dass es sich um eine Gebrauchshandschrift handelt. Abgesehen vom sicher nachträglich angebrachten, liebe- und achtungsvoll gestalteten Titeletikett mit den goldfarbenen Buchstaben ist ihr keinerlei Merkmal eines Prunkstücks eigen. Sie umfasst 84 Blätter im Format 23 x 31 cm. Das Papier weist im Wesentlichen gleiche Struktur auf. Die Rastrierung erfolgte nach und nach manuell. Es ist kein einziges Wasserzeichen vorhanden. Damit kann in diesem Fall eine zweifelsfreie Papierprovenienz nicht zur Erhellung der Entstehungsgeschichte der Handschrift herangezogen werden. Dennoch ließ diese sich indizieren, somit auch ein Abriss vom Umfeld ihrer Funktion erstellen, ihr Inhalt zumindest andeutungsweise erklären. Der Besitzvermerk und Verwendungshinweis auf f. 1v des angebundenen Umschlagblatts vorne bot dafür genügend Ansatzmöglichkeit. Er lautet: "Hoc [!] Liber / audit me Johan- / nes Reiserer Ser- / vus R[everendissimi] Antonii Koller / de Kollegg: Decanus / Stö[r]zing anno 1780". Darunter folgt die Inhaltsangabe: "Perambulum: Vers[etti] P[rae]ludium Partiaen / del Mozart: Heyden: Dagen: Mansarini: [recte: Manfredini?] Albe[r]ti / Santelli: Adlgasser. Paris. Wagen Sail. Kobrich / Eberlin. Terzi". Daran schließt sich der Besitzvermerk: "Johannes Reiserer / Störzing Störzing / anno 1780", wobei "Störzing" eine frühere Tiroler Dialektform für "Sterzing" darstellt und zuerst lateinisch, dann deutsch geschrieben ist. Der Schriftduktus von "Johannes Reiserer" indiziert diese Person als Kopisten der Hauptbestandteile der Quelle, mithin auch als Schreiber des hier vorzustellenden Allegro molto und des Kopftitels "Del Signore Giovane Wolfgango Mozart".

Besitzvermerk, Verwendungshinweis, Inhaltsangabe von Johannes Reiserer auf Umschlag fol. 1v im Klavierbuch "Sterzing 1780" (A-RTgh Mus.ms. Slg. IgDr 1).

Als Erstes war es daher unumgänglich, Aufschluss über die Figur "Johannes Reiserer" zu gewinnen. Wer war er, welche Funktionen hatte er inne? Kommt er aufgrund seines Status überhaupt in Betracht, ein authentisches Stück von Mozart verlässlich aufzuschreiben zu können? Noch dazu, wenn seine Orthographie für die musikalischen Gattungen und Namen der Komponisten teilweise konsequent eigenartig, wenn nicht sogar fehlerhaft ist, wenn zudem die Kenntnis des Lateinischen zu wünschen übrig lässt, ersichtlich durch ein falsches Pronomen im Neutrum statt im Maskulinum ("Hoc Liber" statt richtig "Hic Liber")? Beruht die unübliche Formulierung "Hic Liber audit me" ("Dieses Buch hört mich") ebenso auf unzureichendem Latein oder steckt hinter dem "audit" eine spezifische Aussage? Wer ist der erwähnte Sterzinger Dekan Anton Koller von Kollegg, dem Johann Reiserer 1780 als "Servus" ("Diener") untersteht? Hat dieser oder haben beide irgendeine nachweisbare besondere Beziehung zur Musik, zum Klavier- und Orgelspiel, woraus vielleicht auf die Glaubwürdigkeit der Quelle zu schließen wäre? Wie stand es generell in Sterzing um 1780 mit der Musikausübung, so dass dort ein zeitgenössisches und derart umfangreiches Klavierbuch mit in mehrfacher Hinsicht überraschendem Repertoire zunutze war? Nach aufwändigen Ermittlungen gelang es, sowohl Johannes Reiserer als auch Anton Koller von Kollegg auszuforschen, damit einhergehend die ursprüngliche Provenienz der Quelle, nämlich Salzburg, zu erkennen, sodann ihre Präsenz in Tirol zu verstehen und ihr schließlich einen hohen Grad an Authentizität beizumessen.

Der Schreiber des Allegro molto und
Hauptkopist der Sammelhandschrift: Johann Reiserer

Nachdem Johann Reiserer sich als "Diener" des Dekans von Sterzing nennt, in Sterzing signiert und datiert, lag es nahe, mit dem Durchforsten von Quellen zur Geschichte der Pfarrei und Gemeinde Sterzing zu beginnen. Die dazu nötige Auswahl von Primärquellen geschah unter dem schwerpunktmäßigen Aspekt "Musik", so im Südtiroler Landesarchiv Bozen, wo das historische Gemeindearchiv von Sterzing heute verwahrt wird, dann im heutigen Gemeindearchiv von Sterzing, wo noch einige Relikte verblieben sind und natürlich im Pfarrarchiv Sterzing. Es fanden sich hierbei aber überhaupt keine Nachrichten oder Anhaltspunkte zu Johannes Reiserer.

Dagegen spürte die Verfasserin im Pfarrarchiv Sterzing einen bis dato versteckt liegenden, somit unbekannten Notenbestand mit etwa 200 Handschriften aus der Zeit von ca. 1780 bis kurz nach 1800 auf. Dieser vermittelt eine Vorstellung vom musikalischen Ambiente in Sterzing während der Ära des Pfarrchorregenten Johann Gänsbacher sen. (* 1751 Sarnthein/Südtirol, 1806 Sterzing), dem Vater des ab 1823 in Wien wirkenden Domkapellmeisters Johann Gänsbacher jun. (* 1778 Sterzing, 1844 Wien). Ein herausragender Quellenwert kommt diesem Fundus dadurch zu, dass er auch zeitgenössische Abschriften echter wie fraglicher Werke von Wolfgang Amadé Mozart enthält und dadurch weitere Erkenntnisse zur Mozart-Rezeption und vielleicht auch zur künftigen Klärung zweifelhafter Autorschaften erlauben kann. An in Tirol für die Mozart-Rezeption typischen Bearbeitungen und als Erstbelege generell liegen in Sterzing das Offertorium de Nativitate "Germinavit radix Jesse" (Bearbeitung von KV 384/16 aus der Entführung aus dem Serail, Signatur I-VIPap 9) und das Graduale in C "Domine quis habitabit" (Bearbeitung von KV 220/6, des Agnus Dei aus der sog. Spatzen-Messe, Signatur I-VIPap 10). Die Messe in B-Dur KV C 1.24, in A-KR nachträglich Franz Süßmayr zugeschrieben (SmWV 816), ist in Sterzing einmal mehr als von "Mozart" deklariert und dies bereits um 1780 (Signatur I-VIPap 12). Das Offertorium "Convertentur sedes" von Leopold Mozart (LMV III:6) wurde in der Originalversion vorgefunden (Signatur I-VIPap 8).(6) Wolfgang Amadé und Leopold Mozart waren also in der Musikpraxis an der Pfarrkirche Sterzing um 1780/90 sehr wohl ein Begriff. Dieses Faktum kann die Überlegung, ob in einem Klavierbuch "Sterzing 1780" die Autorenangabe "Del Signore Giovane Wolfgango Mozart" stimmen mag oder nicht, für die Bejahung der Richtigkeit positiv beeinflussen.(7)

Der zündende Anstoß, der Identität des Kopisten Johann Reiserer konkret auf die Spur zu kommen, ergab sich dann über ein im Internet zugängliches Repertorium zu den Akten der Residenz-Schlossverwaltung im Salzburger Landesarchiv. Damit tat sich zum Kontext der Quelle ein überraschender, doch stringenter Pfad Tirol-Salzburg-Tirol auf. Ausgehend von der sich plötzlich eröffnenden frühen Ausbildungszeit des Tirolers Johann Reiserer in Salzburg konnten schrittweise die wesentlichen Stationen seines Lebens aufgedeckt werden, und so ergab sich ein relativ geschlossenes Bild von ihm. Dieses erlaubt es, seine Niederschriften im Klavierbuch "Sterzing 1780", mithin auch die des Allegro molto von angeblich Wolfgang Amadé Mozart, als glaubhaft einzustufen. Zum Nachvollzug dessen sei nun der Werdegang Johann Reiserers nachgezeichnet.

Johann Baptist Nikolaus Tolentinus Reiserer wurde am 16. September 1765 in Rattenberg/Tirol geboren. Seine Eltern waren der "bürgerliche Wundarzt seu [bzw.] Badermeister" Thomas Reiserer aus Lenggries/Bayern und dessen Tiroler Gattin Eleonore geb. Aichacher aus Fügen; sie hatten sich am 29. Oktober 1754 in Rattenberg verehelicht. Sein Großvater, mit Vornamen ebenfalls Johann, übte in Lenggries den Beruf des "Baders und Wundarztes" aus.(8) Thomas Reiserer wird im Trauungsbuch Rattenberg als "artificiosus vir" klassifiziert, was auf seine Kunstfertigkeit insgesamt hinweisen dürfte. Selbstverständlich wird der gehobene Stand der Familie eine bestmögliche Schulbildung für Johann Reiserer bedingt haben. Der Bub aus Rattenberg kam dazu nach Salzburg, in die Hauptstadt des Fürsterzbistums, dem seine Geburtsstadt kirchlich zugeordnet ist.(9) Er absolvierte dort die Klassen des Universitätsgymnasiums wie folgt: 1777/78 Rudimenta, 1778/79 Grammatik, 1779/80 Syntax, 1780/81 Rhetorik I, 1781/82 Rhetorik II. Als Zwölf- bis Fünfzehnjähriger, während der Schuljahre 1777/78 bis 1779/80, war er in Salzburg auch Kapellknabe. Mit Ende September 1780 schied er wegen seines Stimmbruchs aus.(10) Die verbalen Beurteilungen in jeder der Schülerlisten zum Ende des Schuljahres fallen für Johann Reiserer ausnahmslos positiv aus. Im Catalogus Syntaxistarum 1780 lauten die Kommentare über ihn: "Ingenium: capax" (Talent: fähig), "Diligentia: maxima" (Sorgfalt: größtmöglich), "Profectus: 9, inter optimos" (Fortschritt: 9, unter den Besten), "Mores: optimi" (Charakter: hervorragend).

Somit lässt sich deduzieren: Johann Reiserer ist, als er sich selbst in Sterzing 1780 schriftlich Diener des Dekans heißt, gerade erst 15 Jahre alt, erfolgreicher Absolvent der dritten Gymnasialklasse in Salzburg und befindet sich in etwa am Ende seiner Zeit als aktiver Kapellhausknabe.

Fazit aus der Schreiberkonstellation:
Das Klavierbuch "Sterzing 1780" entstand primär in Salzburg

Aus der geschilderten Situation des Kopisten Johann Reiserer 1780 zeichnen sich folgende Punkte klar ab:
1) Die erwähnten orthographischen Unzulänglichkeiten in den Textzeilen Reiserers auf f.1v des Umschlagblatts vorne dürften in erster Linie darauf beruhen, dass der Schreiber noch Schüler ist.
2) Johann Reiserers Beschäftigung beim Dekan von Sterzing 1780 muss eine vorübergehende gewesen sein, vielleicht ähnlich einem Ferienjob heute, denn seine beiden Schuljahre 1779/80 Syntax und 1780/81 Rhetorik I absolvierte er in Salzburg nahtlos aufeinander.
3) Die Formulierung Reisingers mit dem "audit me", dass also das Buch ihn "höre", dürfte besagen, dass er in Sterzing daraus gespielt hat, vielleicht auch für den noblen Dekan Anton Koller von Kollegg.
4) Dass das Klavierbuch "Sterzing 1780" außer dem Allegro molto "Del Signore Giovane Wolfgango Mozart" u. a. eine Reihe weiterer, in ihm erstmals belegter Klavierstücke von mehreren Salzburger Komponisten enthält, erklärt sich jetzt folgendermaßen: Johann Reiserer muss die Handschrift als ein Vademekum mit nach Sterzing gebracht haben, nachdem er wohl einen großen Teil davon als Kapellknabe in Salzburg um 1779 geschrieben hatte, im Zuge des intensiven Musikunterrichts, den er im Kapellhaus erhielt, unmittelbar im Umfeld und Wirkungsbereich der in ihm vertretenen Komponisten.(11) Damit ist der Quelle eine hohe Authentizität zuzusprechen, der als schlussendlich minimal einzustufende Versehen beim Kopieren kaum etwas anhaben können. Es wäre ungerecht, die Schreibfertigkeit eines Fünfzehnjährigen an der eines professionellen Salzburger (Hof-) Kopisten messen zu wollen, wenngleich Reiserer offensichtlich ein guter Schüler war. Für den Kapellknaben Johann Reiserer war jedenfalls zwingend eine persönliche Nähe zu den Urhebern der niedergeschriebenen Stücke gegeben, die auch noch durch den nach dem Ausscheiden als Sängerknabe in der Regel andauernden Musikunterricht bis zum Ende seiner Gymnasialzeit angedauert haben dürfte. Dies stellt eine wesentliche Komponente für eine in den essenziellen Belangen glaubwürdige Überlieferung aus seiner Feder dar.

Wie es zum Aufenthalt Reiserers 1780 bei Anton Koller von Kollegg in Sterzing gekommen war, ist im Augenblick offen, ebenso etwa, ob beide später wieder miteinander zu tun hatten. Fest steht, dass Anton Koller von Kollegg eine ranghohe, sehr kultivierte Persönlichkeit war, zu deren Bildung und Vorlieben Musik gewiss gehört haben dürfte: Franz Anton Ludwig Valentin Koller von Kollegg, geboren 1706 in Innsbruck als Sohn des Christoph Koller von Kollegg und dessen Gattin Maria Theresia geb. Faber, hatte von 1725 bis 1729 am Collegium Germanicum et Hungaricum in Rom studiert, einer renommierten Ausbildungsstätte für die adelige Geistlichkeit. Seine Zugehörigkeit zum Kollegiatstift Innichen als Kanonikus von 1728 (obwohl er erst 1729 die Priesterweihe empfing) bis 1757 legt nahe, dass er auch durch diese wiederum vom Adel geprägte Institution mit vortrefflicher Musik vertraut war. Er wirkte seit 7. Juni 1741 bis an sein Lebensende ( 29. Oktober 1783) als Pfarrer von Sterzing, auch seit 1772 belegt als Dekan in Sterzing und Konsistorialrat in Brixen. Bereits 1748/49 ist er "Abt und Propst" in "Schönbrunn in Ungarn", also wohl mit einem Ehrentitel bedacht.(12) Der aus einer Arzt-Familie in Tirol stammende Salzburger Kapellknabe Johann Reiserer wird sich also gut in das für Kunst aufgeschlossene Ambiente des Dekans Anton Koller von Kollegg in Sterzing gefügt haben.
Johann Reiserer schlug selbst eine geistliche Berufslaufbahn ein. Sie begann bei den Augustinerchorherren in Herrenchiemsee und endete, da das Kloster 1803 säkularisiert worden war, als Vikar in Wörgl/Tirol.

Stets in Berührung mit Salzburg: "Johann Reiserer" im Kapellhaus
und "Peter Reiserer CRSA" in Herrenchiemsee

Der Salzburger Domkapellmeister Johannes Peregrinus (Pseudonym für Johannes Hupfauf, * 1856 Schwaz/Tirol, 1889 Salzburg) verfasste eine "Geschichte der salzburgischen Dom-Sängerknaben oder schlechthin des Kapellhauses"(13) samt einem "Verzeichnis der Kapellknaben vom Jahre 1795 bis zum Jahre 1889". Unter der fortlaufenden Nummer "14" steht Johann Reiserer, "Altist". Die "Zeit seines Verbleibens im Institute" ist mit einem Fragezeichen versehen. Dazu findet sich die Anmerkung: " als Kanonikus in Herrenchiemsee". De facto verliefen die letzten Lebensjahre von Reiserer etwas anders als von Hupfauf angegeben. Dies mag darin begründet sein, dass ihm entsprechende Quellen nicht verfügbar waren. Da nun solche eruiert werden konnten, sei die weitere Lebensgeschichte Reiserers hier skizziert; sie zeigt, dass er langfristig der aktuellen Salzburger Musikszene kundig gewesen sein muss.

Johann Reiserer wurde im Alter von 19 Jahren am 9. Oktober 1784 als Novize im Augustinerchorherrenstift Herrenchiemsee eingekleidet und nahm den Klosternamen Peter Paul an. Seine Stationen im Klosterleben verliefen wie folgt: Profess am 6. Juni 1786 (auf seinen eigenen Wunsch hin vorgezogen, das Regelalter dafür hätte er erst am 16. September 1786 erreicht), Vestiar ab 4. Oktober 1788, Studium der Theologie, Priesterweihe am 19. September 1789, Primiz in Rattenberg am 27. September 1789, Kurat in Stephanskirchen am Simssee (Landkreis Rosenheim) ab 29. November 1790, Kurat in Gollenshausen (Gemeinde Gstadt am Chiemsee) ab Mai 1792, 1792 gleichzeitig im Amt als Klosterbibliothekar belegt, nach einer Tätigkeit als Koadjutor in Aschau (Chiemgau) ab Februar 1794 Pfarrer der Pfarr-, Stifts- und Kathedralkirche Herrenchiemsee und zugleich "Rector Chori" (Chorregent), Koadjutor in Wörgl/Tirol ab 20. Oktober 1798, 1802 als "Frühmesser" und 1804 als "exponierter Kooperator" in Kirchbichl/Tirol nachgewiesen. Verstorben ist er am 23. August 1823 als hoch geachteter Vikar und wiederholt ausschließlich als edel bezeugter Mensch in Wörgl.(14)

Zu der Zeit, als Reiserer in Herrenchiemsee eintrat, war der Mozart-Gönner Ferdinand Christoph Graf Zeil-Trauchburg Bischof des Salzburger Suffraganbistums Chiemsee.(15) Die Musikpflege im Stift damals war allgegenwärtig, exzellent und berühmt. Jeder Konventuale musste hinreichend musikalische Bildung und Fähigkeiten vorweisen, um überhaupt aufgenommen zu werden. Dem Augustiner-Chorherrn Reiserer werden sie nach dem Unterricht im Salzburger Kapellhaus, seinen Erfahrungen als Singknabe, vielleicht auch schon Sänger und bereits bewiesenen Fertigkeiten im Notenschreiben wie Klavier- und Orgelspiel nicht abzusprechen sein. Kirchlich wie musikalisch waren die Beziehungen zwischen Salzburg und Herrenchiemsee sehr eng.(16) Salzburger und Tiroler gehörten zum Konvent von Herrenchiemsee, gerade auch der 1762 in Salzburg geborene Chorherr und Komponist Conrad Gassler, der drei Jahr früher als Reiserer in Herrenchiemsee die Profess abgelegt hatte und 1792 als "Regens Chori" im Amt ist.(17) So verwundert es nicht, dass Reiserer sich dort hingezogen fühlte. Bis jetzt fanden sich außer der Feststellung in der Klosterchronik, dass ihm 1794 das Amt des Chorregenten (bis 1798?) übertragen worden sei, keine Nachrichten zu einer musikalischen Tätigkeit Reiserers nach seinem Aufenthalt in Salzburg. Es ist aber anzunehmen, dass er sein Musiktalent, soweit er im Kloster anwesend war, aktiv einbrachte, bei verschiedensten Aufführungen, die und von denen man die Mitwirkenden der Selbstverständlichkeit wegen nicht eigens aufschrieb.(18)

Der Standort des Allegro molto in der Handschrift
und die Schreibweise des Verfassernamens

Die im Wesentlichen von Johann Reiserer gefertigte Sammelhandschrift beginnt mit anonymen Stücken, die ihrer Faktur nach eindeutig für Orgel bestimmt sind. Einem Pr[a]eambulum in C-Dur (fol. 1r) folgen fünf Stücke ohne jede Bezeichnung, doch jeweils im Stil eines Präludiums (fol. 1v-6r), daran schließen sich zwei Versetten (fol. 6r). Auf fol. 6v, der letzten Seite von Lage 1 des Sammelbands, tritt ein deutlicher Wechsel ein: Hier beginnt eine Reihe von Stücken für Klavier (Cembalo, Clavichord), und es werden nun Autoren, Stücktitel, Tempi genannt. Als erstes von diesen steht das "Allegro molto. Del Signore Giovane Wolfgango Mozart" KV deest (fol. 6v-7v oben).(19) Innehalten lässt hier bereits "Wolfgango" als Form des Vornamens, denn diese Version verwendete Leopold Mozart persönlich, wenn er etwa die Autorschaft zu Wolfgang Amadés Menuetten KV 4 und KV 6 (1762, Salzburg) und KV 7 (1763, Paris) oder auf das Titelblatt des Londoner Skizzenbuchs 1764 dazuschrieb.(20) Auch das Andantino KV 15b und ein Allegro in C-Dur KV deest, beide in einem Klavierbuch um 1765 aus dem Umkreis des Kapellhauses Salzburg und somit jedenfalls aus einem Naheverhältnis zu Leopold Mozart, sind mit der Autorenangabe "Wolfgango Mozart" versehen.(21) Nachdem "Wolfgango Mozart" bisher konsequent und zutreffend in Quellen vorzufinden ist, die von Leopold Mozart selbst oder zumindest aus seiner engsten Umgebung herkommen, drängt sich auf, dass diese Formulierung in unserer jetzt neu vorliegenden Quelle, wenngleich gut ein Jahrzehnt jünger, doch aus gleichem Ambiente, einen analogen Ursprung hat und daher in ihrer Aussage richtig sein wird.

Unmittelbar an das Allegro molto "Del Signore Giovane Wolfgango Mozart" schließt sich in der Handschrift (fol.7v) das Stück Für den Herbstmonat (bzw. Die Jagd oder La Chasse) von Leopold Mozart (LMV XIII:5/9) an.(22) Der Titel lautet: "La Hasch / Die Jagt / Del Signore Mozart". Der Kopist bzw. die Person, die ihm die Stücke vorgibt, trifft eine klare Unterscheidung: Während der Familienname "Mozart" für den Vater Leopold steht, wird der Sohn zur Unterscheidung zusätzlich mit dem im engsten Mozart-Verband üblichen "Wolfgango" genannt und überdies mit dem Zusatz "Giovane". Auf fol. 19v der Handschrift ist ein "Allegro. Del Signore Mozart" notiert. Es ist das Menuett Für den Heumonat von Leopold Mozart (LMV XIII:5/7). Damit steht wiederum für den Vater nur "Mozart". Warum sollte also bei dieser konsequent peniblen Trennung der Schreibweise die Richtigkeit der genannten Autorschaft für das Allegro molto nicht gegeben sein? Was nun "Giovane" auch meinen mag, nämlich italienisch den "jüngeren" oder den "Jüngling" Mozart und wohl weniger "Giovanni", somit "Johannes", den ersten von Mozarts Taufnamen Johannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus, in jedem Fall bezieht sich die Formulierung zweifelsohne auf Wolfgang Amadé.

Da Leopold Mozart von 1744 bis 1786 Violinlehrer, von 1777 bis 1787 auch Klavierlehrer am Kapellhaus war,(23) liegt auch die Annahme nahe, dass der Singknabe Johann Reiserer um 1780 bei ihm persönlich zumindest eine Zeit lang Unterricht gehabt haben wird. Wieso könnte daher nicht Leopold Mozart selbst seinem potenziellen Schüler die Stücke seiner Wahl für dessen Klavierbuch (und Klavierschule), angesagt, zur Abschrift vorgelegt und aufgetragen haben? Für Teile der Handschrift ist dies jedenfalls nicht auszuschließen.

Es fällt auf, dass gleich nach dem Allegro molto des "Giovane Wolfgango Mozart" und Leopold Mozarts Für den Herbstmonat einzelne Sätze weiterer Salzburger Komponisten der Hof- und Dommusikszene anschließen (fol. 8r-13v): "Del Paris", "Del Signore Adlgasser", "Del Signore Antonio Paris". Ob Vater und Sohn Paris, also der Domstiftsorganist und Lehrer am Kapellhaus Josef Georg (ca. 1700-1760) und der Hoforganist Anton Ferdinand (1744-1809) ebenso unterschieden wurden wie Vater und Sohn Mozart? Da bislang die Überlieferung dieser Stücke singulär ist, kann die Frage augenblicklich nicht letztgültig beantwortet werden. Ein Allegro in C-Dur "Del Signore Adlgasser Orga[noedus] Salisburg[ensis]" (fol. 10v-11r) fehlt im Verzeichnis der Werke Adlgassers (24) aus dem Jahr 2000. Weshalb sollte auch diesem originären Titel in dieser Handschrift nicht vertraut werden?

Versuch einer stilkritischen Annäherung an das Allegro molto

Nach quellenkritischen Überlegungen, die in Summe bereits die Bejahung der Autorschaft Wolfgang Amadé Mozarts für das Allegro molto geradezu aufdrängen, seien nun einige stilkritische Aspekte angesprochen: Stellen sich Assoziationen zu erwiesenermaßen echten Klavierstücken von Wolfgang Amadé Mozart ein? Handelt es sich gegebenenfalls wirklich um ein originales Stück für Klavier solo, oder stellt es möglicherweise die Klavierfassung eines Orchesterwerks oder Ähnliches dar? Zeigt das Allegro molto vielleicht sogar stilistische Komponenten, die eine in Frage kommende Autorschaft Mozarts dafür klar zurückweisen lassen müssen?

In der klavierpädagogisch ausgerichteten Sammelhandschrift nimmt das Allegro molto in der Anordnung der Stücke einen offensichtlich wohlüberlegten Platz ein. Sein präludienartiger Anfang passt noch sehr zum bereits erwähnten ersten Komplex von Stücken mit dem Praeambulum zu Beginn. Er vermag aber auch etwa an die ersten Takte von Wolfgang Amadés erster Klaviersonate KV 279 (München, Anfang 1775) zu erinnern, mit ihrem Eröffnungsgestus des freien Improvisierens. Frappant ist, dass, abgesehen von der Tonart, die Takte 1-2 des Allegro molto in C-Dur exakt übereinstimmen mit Takt 1-2 eines Klavierstücks in G-Dur KV deest aus dem Nannerl-Notenbuch, das Ulrich Leisinger als "Präludium" sieht und sehr plausibel der Autorschaft Wolfgang Amadé Mozarts zuschreibt.(25) Dieses Stück blieb Fragment; vorhanden sind 35 Takte, als Teil eins von mutmaßlich zweien. Im C-Dur-Stück wird die erste Hälfte des Themas vom G-Dur-Stück notengetreu aufgegriffen, auch die Tonwiederholung samt ihrer rhythmischen Disposition (kurze Note/lange Note) in der Melodie von Takt 9, am Beginn der Überleitung zum Seitensatz, findet in Takt 5 des G-Dur-Stücks ein Analogon. Das C-Dur-Stück ist zweifelsohne später zu datieren. Dies indizieren nicht nur die um wohl knapp eineinhalb Jahrzehnte auseinander liegenden Überlieferungsdaten beider Quellen, sondern vor allem auch, dass das Allegro molto kompositionstechnisch auf einem relativ hohen Niveau steht, das schon in Richtung eines Kopfsatzes zu einer frühen Klaviersonate von Wolfgang Amadé Mozart weist. Folgende Überlegungen mögen dies andeuten.

Das Allegro molto hat eindeutig Sonatensatzform.(26) Zwar sind die beiden jeweils zwei Takte umfassenden Themen kurz und mögen oberflächlich betrachtet manches schematisch konstruierte Werkchen in anderen Salzburger Notenbüchern ins Gedächtnis rufen, doch wird sehr schnell klar, dass gerade das, was aus dem vermeintlich Wenigen und Einfachen im Verlauf dieses Stück entsteht, in mehrfacher Hinsicht bereits große Kompetenz sichtbar macht. Eine erfinderische Verarbeitung der Themen, ihre Wiederholung nicht schematisch, sondern in kunstvollen Varianten, wirksam eingesetzte Kontraste, vor allem eine etwa schon im Seitensatz der Exposition subtile, in der Durchführung ins Dramatische gehende Harmonik beweisen, dass sich hinter dem Autor dieses Stücks kein Routinier verbergen kann.

Die zwei Themen der Exposition sind von starkem Gegensatz geprägt: Dreiklangszerlegungen in einer Abfolge über zwei Oktaven stehen einer stufenweise fortschreitenden, zuletzt mit variiertem Intervall fallenden Melodie gegenüber. Eine Sequenz, deren Motiv aus Thema 2 stammt, leitet zum Seitensatz über. Sie schließt auf der Dominante G-Dur, die über einen Sextakkord auf der Tonika C-Dur und einen alterierten verminderten Septakkord auf Fis (alterierte Subdominante von C/VII. Stufe von G, Takt 13f.) erreicht wird. Den Seitensatz selbst eröffnen Sequenzen mit Motiven aus einer Tonleiter und einem Sextsprung abwärts, der dem Schlussmotiv von Thema 2 nachempfunden ist. Das Thema 1 des Seitensatzes beginnt auf der Subdominante C, über Septakkorde wird in Takt 18 die Doppeldominante D-Dur fixiert, gleichzeitig bietet sie als Dominante von G-Dur den Einstieg in das Thema 2 des Seitensatzes. Eben an dieser Zäsur wird auch die reguläre Funktion der Klavierhände vertauscht. Die Melodie liegt jetzt im Bass, in der linken Hand, die rechte Hand spielt Albertibässe zur Begleitung (Takt 21-25). Dieses Verfahren findet sich bei Wolfgang Amadé Mozart etwa im F-Dur-Klavierstück KV 15v (Londoner Skizzenbuch, 1765) oder später in der Klaviersonate KV 311 (1777, 1. Satz, Takt 48ff.), auch im Rondo für Klavier KV 485 (1786, Takt 43ff.). Ein Epilog, weitgehend im Unisono, beschließt wie ein Manifest die Exposition.

Die Durchführung kennzeichnet eine bemerkenswert harmonische Vielfalt, wenn nicht Kühnheit. Sechsmal wird das Thema 2 präsentiert, davon zweimal in G-Dur, zweimal in d-Moll, bevor es über a-Moll und eine Rückung nach H-Dur (als Zwischendominante zu e-Moll) schließlich nach e-Moll geführt wird. Sechs Takte Überleitung verbleiben markant in e-Moll. Einmal mehr ist die stufenweise abwärts schreitende Melodie der linken Hand zugeteilt, die Begleitung der rechten. Vergleichsweise schroff fällt in C-Dur die Reprise ein; sie wird verkürzt ausgearbeitet.

Ob das Allegro molto vielleicht ein bewusster erster größerer Versuch von Wolfgang Amadé Mozart gewesen sein könnte, sich in der Dimension des Sonatensatzes zu behaupten, allem Anschein nach um 1767? Vom G-Dur-Stück sind im Allegro molto außer den beiden identischen Anfangstakten partiell zum Beispiel der Duktus eines Präludiums, das Spiel mit alternierenden Händen oder die Häufung von Sequenzen wieder präsent. Unter einer Prämisse der tatsächlichen Autorschaft Mozarts für das G-Dur-Stück läge es nahe, im Allegro molto einen stilistisch bereits wesentlich weiter entwickelten Entwurf auf dem Weg Mozarts zu künftig vollendeter Meisterschaft zu erkennen.(27) Kaum ein kompositorisches Detail im Allegro molto deutet auf einen Widerspruch zu generellen Charakteristika von Mozarts schließlich vollendetem Tonsatz.(28) Bisher ist es nicht gelungen, wissenschaftlich exakt zu definieren, "warum Mozart wie Mozart klingt"(29), und man kann auch sicher nicht abstreiten, dass das Allegro molto des "Giovane Wolfgango Mozart" eben "wie Mozart klingt".

Nach unseren Ausführungen indizieren sowohl quellenkritische als auch stilkritische Argumente jeweils schon einzeln die Autorschaft Wolfgang Amadé Mozarts für das Allegro molto. In der Zusammenschau lassen beide methodischen Ansätze des Hinterfragens zum Ergebnis kommen, dass das Allegro molto wirklich als von ihm komponiert zu werten sein dürfte.

Hypothetisch ist zu konstatieren, dass sowohl Leopold als gegebenenfalls auch Wolfgang Amadé dem Allegro molto keinen "opuswürdigen" Stellenwert beigemessen haben. Darauf deutet die bislang singuläre Überlieferung in einem klavieristischer und musikalischer Schulung, freilich auch persönlichem musikalischem Divertissement dienenden Kompendium.

Diese Ebene des Gebrauchswerks, für seinen Schöpfer wie Rezipienten, zeigt sich auch darin, dass das Stück in zwei weiteren handschriftlichen Klavierbüchern überliefert ist, doch aus späterer Zeit, an anderen Orten und unverkennbar in nachrangigen Bearbeitungen. Auf diese wird hier noch kurz eingegangen, um zu demonstrieren, wie um 1800 gefällige Werke verbreitet und tradiert werden konnten, ohne mehr von ihrem eigentlichen Urheber Kenntnis zu haben, selbst wenn dieser ursprüngliche Verfasser für uns heute zu den grandiosen Phänomenen der Weltgeschichte gehört. Und auch die bisher eruierbaren Daten zur Rezeption des Allegro molto "Del Signore Giovane Wolfgango Mozart" werden zu erkennen geben, dass der Darstellung im Klavierbuch "Sterzing 1780" der absolute Vorrang einzuräumen ist und sie gewissermaßen den ursprünglichsten Text wiedergibt.

Das Allegro "Del Sig.e Brixi"
im Archiv des Benediktinerinnenklosters Müstair (CH)

Das Allegro molto aus der Handschrift "Sterzing 1780" findet sich auch in einer wohl sukzessive kompilierten Sammelhandschrift mit über dreißig, teilweise umfangreichen Klavierstücken, die im Archiv des Benediktinerinnenklosters Müstair (CH) überliefert ist. Im Gegensatz zu "Sterzing 1780" hat die Quelle in CH-MÜ ein vornehmes Äußeres, einen rotbraunen Ledereinband mit einem in wellenförmigen Linien geprägten Goldrahmen und den Initialen "M. T. ST." vorne. Ihre Datierung ist mit ca. 1800 anzusetzen, denn die Papiere, professionell beschrieben von drei verschiedenen anonymen Kopisten, weisen als Wasserzeichen ausschließlich undeutliche Fragmente von Halbmonden auf. Die Handschrift stammt genuin nicht aus dem Kloster Müstair, ihre Provenienz ist zur Gänze fraglich.(30) Von Seite 156 unten bis einschließlich Seite 159 ist ein "Allegro / Del Sig.e Brixi" geschrieben. Zwar deckt sich das Melodie-Incipit mit demjenigen des "Allegro molto / Del Signore Giovane Wolfgango Mozart" und es handelt sich um das gleiche Stück, doch nehmen bereits in Takt 1 die Varianten ihren Anfang: Bei Wolfgang Amadé "Mozart" beginnt das Stück in der linken Hand mit einem die Tonalität C-Dur nachdrücklich fixierenden Oktavgriff c und c". Bei "Brixi" fällt er weg, ersatzlos. Es fehlt unter anderem die reizvolle Überleitung zum Seitensatz in der Exposition. Durchgehend sind Verzierungen reduziert oder vereinfacht. In Takt 20 etwa wird im Bass die Sept c als spannungsgeladener Durchgangston nivelliert zum farblosen Grundton d. Der Epilog beschränkt sich auf eine Variante von dessen originalem erstem Takt und sofort danach anschließende, deplatziert banale Akkorde und Akkordbrechungen in Grundstellung auf der längst erreichten Dominante G-Dur. Das Thema 2 des Seitensatzes wurde (bereits vom Kopisten) mit Phrasierungsbögen versehen. Dagegen ist die Passage der zur Reprise überleitenden Sequenz, die in "Sterzing 1780" versehentlich zwar fehlt, doch wegen der systematisch stufenweisen Fortschreitungen klar indiziert ist, vorhanden. Alle vorgenommen Eingriffe zielen auf eine Simplifikation des Stücks ab. Diese geschieht vorrangig in spieltechnischer Hinsicht, um es für einen Schüler oder weniger geübten Spieler problemlos ausführbar zu machen. Sogar das Tempo "Allegro molto" wurde auf ein "Allegro" gemindert. Damit geht natürlich in musikalischer Beziehung ein großer Verlust einher.

Die Vorlage für die in CH-MÜ vorhandene Version ist unbekannt, damit auch das Faktum, ob die Bearbeitung für diese Quelle neu gemacht oder bereits von woandersher übernommen wurde. Ferner erhebt sich die Frage, wie es zur Autorenangabe "Brixi" kommt. Kannte ein (anonymer?) Bearbeiter vielleicht wirklich nicht mehr die ursprüngliche Autorschaft oder wollte er aus Respekt ein teilweise fast schon entstellt anmutendes Werk Mozarts nicht mehr als solches weitergeben? Das Problem der häufig vorzufindenden Autorenangabe "Brixi" gegen 1800 hin ist ein diffiziles. Im vorliegenden Fall gibt es keinerlei Kriterien, das Stück etwa Franti ek Xaver Brixi (1732-1771) zuzuschreiben, noch dazu, als es sich in dieser Form um eine Singulärüberlieferung des Stücks handelt.(31)

Das anonyme Allegro im Státní okresní archiv Mladá Boleslav (CZ)

Die Synopse im Anhang ermöglicht es, auf einen Blick die Grundstrukturen von den drei jetzt bekannten Versionen des Allegro molto (bzw. bearbeitet: Allegro) vergleichend zu erfassen: Im Staatlichen Bezirksarchiv Mladá Boleslav (Jungbunzlau) liegt das Stück ein weiteres Mal, dort jedoch anonym, als Nr. 52 in einer um 1820 zu datierenden Handschrift mit dem Titel Sammlungen [!] von verschiedenen Stücken auf Forte-Piano und mit einem Besitzvermerk von "Aug: Fibiger mp", der zumindest teilweise auch Kopist der Handschrift ist.(32) Die Unterschrift ist wohl Jan Augustin Fibiger (1760-1851) zuzuordnen. Wie in (heute) CH-MÜ ist das Stück in CZ-MB als Allegro bezeichnet und ebenfalls bearbeitet, wobei sich gerade bezüglich der Kürzungen mit CH-MÜ augenfällige Gemeinsamkeiten zeigen. Die jeweils beiden Schlusstakte von Exposition und Reprise sind gegenüber A-RTgh wieder massiv vereinfacht, doch durch die Bewahrung des Unisonos etwas behutsamer als in CH-MÜ. Neu hinzugekommen sind bereits vom Kopisten angebrachte Artikulationszeichen für das Thema 1 der Exposition. Nicht nur der Besetzungshinweis "Forte-Piano" im Titel der Handschrift weist darauf hin, mit welchem Instrument das Stück nun gespielt werden soll, sondern auch das Faktum, dass etwa das Thema 2 des Seitensatzes in der Exposition jetzt in Oktaven gesetzt ist (Takt 16-19). So kann das Klangvolumen des modernen Instruments voll zur Geltung kommen.

Sofern die Autorschaft Wolfgang Amadé Mozarts für das Allegro molto in der Handschrift "Sterzing 1780" als gegeben angenommen würde, wäre also auch der Komponist des Allegro in CH-MÜ und CZ-MB Wolfgang Amadé Mozart, wobei das Stück jedoch in den beiden späteren Fassungen von ca. 1800 und ca. 1820 in jeweils anonymer, doch ähnlich disponierter Bearbeitung vorliegt. Für die Erstellung der Arrangements war wohl keine Kenntnis oder gar Wertschätzung eines "Urtexts" mehr vorhanden, sondern das a priori als Gebrauchsstück gedachte Werk erfuhr eine usuelle Adaptierung für den aktuell individuellen Bedarf, aus unbekannter Vorlage an fraglichem Ort.

Die Handschrift in CZ-MB ist bisher nicht detailliert wissenschaftlich erschlossen. Ihren Inhalt machen überwiegend kurze anonyme Stücke aus, mit eindeutig pädagogischem Charakter. Stichproben der Verfasserin zu Identifizierungen ergaben Hinweise auf enthaltene weitere Bearbeitungen, so etwa aus der Sinfonie in B-Dur op. 12/3 von Ignace Pleyel oder aus dem Singspiel Kaspar der Fagottist von Wenzel Müller (UA Wien 1791).(33) Diese Konstellation indiziert, dass die Handschrift CZ-MB Verflachungen enthält, keine Upgrades. Damit erübrigt sich auch, abgesehen von der zeitlichen Differenz der Quellen, eine eventuelle Überlegung, ob das Allegro molto in der Handschrift "Sterzing 1780" gegenüber dem Allegro in CZ-MB (und infolge der Gemeinsamkeiten auch im Verhältnis zum Allegro in CH-MÜ) eine Veredelung im Nachhinein sein könnte, und die in "Sterzing 1780" aufscheinende Autorenangabe Wolfgang Amadé Mozart behält ihre Priorität. Dass zum Beispiel in den Varianten sowohl von (heute) CH-MÜ als auch CZ-MB die Takte 12-14 aus dem Allegro molto "Del Signore Giovane Wolfgango Mozart komplett fehlen, wobei die verwunderliche Harmonik von Takt 15 (in A-RTgh) mit dem f"" zwischen zwei auf G beruhenden Takten ausgeblendet wurde, wird der beflissenen Retusche eines auf korrekte Satzlehre bedachten Schulmanns zu verdanken sein.

Konklusion

Das Allegro molto in C-Dur "Del Signore Giovane Wolfgango Mozart in der Sammelhandschrift "Sterzing 1780" ist ein bisher unbekannter, zumindest mit ziemlich hoher Gewissheit echter Sonatensatz von Wolfgang Amadé Mozart, in einer von ihm vielfach bevorzugten Tonart, mit seinem Tonumfang c bis c""" zugeschnitten auf das Clavichord, in seiner Entstehungszeit anzusetzen um 1767, noch im Nachklang des Londoner Skizzenbuchs und ein knappes Jahrzehnt vor der ersten, im Jahr 1775 komponierten Klaviersonate KV 279.

Die Argumente für eine tatsächliche Autorschaft Wolfgang Amadé Mozarts beruhen einerseits auf Quellenkritik, andererseits auf Stilkritik und fügen sich alle nahtlos ineinander. Am meisten überraschte wohl im Verlauf der Untersuchung des Stücks, dass eine mit "Sterzing 1780" signierte Quelle de facto eine genuin salzburgische ist, mit spektakulärem Inhalt, der aufgrund ihres bewiesenen engsten Bezugs zur ehrwürdigen Musikinstitution Kapellhaus in der fürsterzbischöflichen Stadt auch Ernst zu nehmen ist. In der Reihe der bislang bekannten Salzburger Notenbücher aus der Mozart-Zeit kommt dem Klavierbuch "Sterzing 1780" zweifelsohne ein Sonderstatus zu, weist doch das in ihm verzeichnete Repertoire neben Alltäglichem ungewöhnlich zahlreiche Besonderheiten und singuläre Überlieferungen auf, die wegen ihres Umfangs an dieser Stelle nicht einmal alle angedeutet werden können, sondern eigene Forschungen erfordern, die neue Aufschlüsse liefern werden zum Werk samt dessen Rezeption etlicher Komponisten aus dem süddeutsch-österreichischen und italienischen Raum.

In Anbetracht der aufgezeigten weithin hohen Verlässlichkeit der Quelle sei vorab bereits auf folgenden merkwürdigen Sachverhalt aufmerksam gemacht: Direkt gegenüber von Leopold "Mozarts" Für den Heumonat (34) (fol. 19v) LMV XIII:5/7 steht das Menuetto Pastorello "Del Signore Eberlin" (fol. 20r), laut zuletzt LMV XIII:5/5 ein Stück von Leopold Mozart, gemäß einer Mitteilung von Friedrich Wilhelm Marpurg 1759 in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Historisch-kritische Beyträge zur Aufnahme der Musik.(35) Darin wird anonym in der Rubrik "Vermischte Sachen" die soeben bei Lotter in Augsburg erschienene Druckausgabe Der Morgen und der Abend [...] herausgegeben von Leopold Mozart vorgestellt, die sowohl Für den Heumonat als auch das Menuetto Pastorello enthält. Die Meldung in der Zeitschrift ist bis auf einige minimale, unbedeutende Varianten gleichlautend mit der Darlegung im Vorwort von Leopold Mozart zur Veröffentlichung bei Lotter 1759: "[...] Die Stücke für den Jenner [...] sind von der Composition des [...] Herrn [...] Eberlin [...] Die Stücke für den Hornung, May, Brachmonat, Heumonat [...] hat Herr Mozart gesetzet". Infolgedessen wurde seither Leopold Mozart als Komponist des Menuetto Pastorello, mit alternativem Originaltitel Für den Mai, betrachtet. Warum sollte der kompetente Herausgeber in der Publikation die Werke den Komponisten nicht richtig zugeordnet haben?

Vergleicht man den Notentext von Für den Mai im Klavierbuch "Sterzing 1780" und im Lotterdruck 1759, so zeigen sich Unterschiede an drei Stellen:

Takt 3:
"Sterzing 1780": Die vier Sechzehntelnoten lauten gleich wie in Takt 1 und 2. Dies entspricht genau der Wiederholung auf der Dominante in Takt 13-15, zu Beginn des zweiten Teils des Stücks. Die letzte Note von Takt 3 bzw. 15 ist Leitton zur ersten Note in Takt 4 bzw. 16.
Druck 1759: Die Sechzehntelnoten lauten c"-f""-c""-a" statt nochmals c"-c""-a"-e". Die letzte Note von Takt 3 ist Terz zur ersten Note in Takt 4. Die Takte 13-16 sind jedoch dreimal gleich, folglich identisch mit "Sterzing 1780".
Da die Takte 13-16 in "Sterzing 1780" und im Druck 1759 identisch sind, erscheint für Takt 3 die Version von "Sterzing 1780" als die musikalisch formal plausiblere.

Takt 27 und Takt 31:
Während im Druck in Takt 27 die Sechzehntel-Triolen und in Takt 31 die Achtelnoten in der rechten Hand jeweils in Terzen geführt sind, in Takt 27 analog den Terzen in Takt 7 und in Takt 31 ähnlich den Sexten in Takt 12, so ist im Takt 27 bzw. Takt 31 in "Sterzing 1780" die Melodie nur einstimmig geführt. Hier dürfte der gedruckten, "ausgeschriebenen" Version der Vorzug einzuräumen sein.

Die Fassung von Takt 3 in "Sterzing 1780" gegenüber dem Druck könnte allem Anschein nach als sinnfällige Korrektur gesehen werden. Dies legt nahe, dass der Kopist, der Schüler Johannes Reiserer, wohl nicht nur stur vom Druck abgeschrieben haben dürfte oder dass ihm ein handschriftliche Quelle vorlag.

Der Widerspruch zwischen den Autorenangaben "Eberlin" im Klavierbuch "Sterzing 1780" und Leopold Mozart im Druck von 1759, beides Quellen mit an sich hohem Authentizitätsgrad für das Menuetto Pastorello, ist verwunderlich, seine Erklärung offen. Zu hinterfragen wäre möglicherweise Leopold Mozarts Ausdruck "gesetzet". Ob "setzen" hier ausschließlich eine sprachliche Variante für "komponieren" darstellt? Oder ob Leopold Mozart vielleicht eine ursprüngliche Version des Stücks von Eberlin, konzipiert für das Hornwerk auf der Festung Hohensalzburg, für die "Clavier"-Ausgabe jetzt variiert haben könnte?(36) Johann Reiserer dürfte aus den oben dargelegten Gründen, insbesondere aber wegen seiner Nähe zu Leopold Mozart, kaum gerade in diesem Fall einen falschen Namen hingeschrieben haben.

Das Allegro molto "Del Signore Giovane Wolfgango Mozart stellt in der Reihe der Beziehungen "Mozart und Tirol"(37) wahrscheinlich einen Höhepunkt dar: Ein Kleinod an Klavierstück, wohl ein Spiegel kompositorischer Entwicklung des vielleicht 11 oder 12 Jahre alten Wolfgang Amadé Mozart, blieb vor allem auch durch das ursprünglich in seiner Tragweite gar nicht abzuschätzende Wirken zweier Tiroler der Nachwelt erhalten. Johann Reiserer schrieb vor über 200 Jahren als Schüler aus Rattenberg in Salzburg die Noten als Studienobjekt nieder. Ignaz Dreier, Kapellmeister und Kirchenchorleiter im Tiroler Lechtal, hatte zuletzt die Handschrift im 20. Jahrhundert sorgsam verwahrt. Ihm kommt das Verdienst zu, wohl noch ohne Detailwissen, doch intuitiv, die Basis geschaffen zu haben, dass die Handschrift nun unter weiterer Tiroler Obhut zum großen kulturellen Erbe im Land Tirol gehören kann. Respekt und Dankbarkeit gebührt auch allen Leuten, die an der Sicherstellung der gesamten, in ihrem Inhalt weitgehend außergewöhnlichen Musikaliensammlung Ignaz Dreier so bedachtsam gehandelt haben.

Ein herzlicher Dank für vielfältige Hilfestellung ergeht an:
Josef Bader (Elbigenalp), Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, MMag. Christoph Brandhuber (Universitätsarchiv Salzburg), Sr. Paula Edelmann OSB (Kloster Müstair), Dr. Christoph Großpietsch (Stiftung Mozarteum Salzburg), Dekan Pfarrer Josef Knapp (Sterzing), Dr. Ulrich Leisinger (Wissenschaftlicher Leiter, Stiftung Mozarteum Salzburg), Dr. Thomas Mitterecker (Leiter des Archivs der Erzdiözese Salzburg), H. H. Ulrich Mauterer CanReg (Stift Herzogenburg), Prof. Dr. Vladimír Novák (Prag), Direktorin Dr. Christine Roilo (Südtiroler Landesarchiv Bozen), Zuzanna Petrá ková (Prag), Marc Rauch (Elbigenalp), P. Provinzial Oliver Ruggenthaler OFM (Salzburg), Salzburger Landesarchiv, Reinhold Schrettl (Vils), Mgr. (Magister) Jan imonek und Team (Mladá Boleslav), Mag. Michael Steiner-Schweißgut (Team Institut für Tiroler Musikforschung/Notensatz und Webmaster), P. Columban Züger OSB (Kloster Müstair).

Alle Abbildungen: Archiv RISM Tirol-Südtirol & OFM Austria/Institut für Tiroler Musikforschung Innsbruck.

Anhang 1: Notenedition Allegro molto, "Del Signore Giovane Wolfgango Mozart"
(ca. 1779, A-RTgh, Sign. Mus.ms. Slg. IgDr 1, fol. 6v-7v, RISM A/II ID no. 650.012.520)

Anhang 2: Notenedition Allegro, "Del Signore Brixi"
(ca. 1800, CH-MÜ, Sign. Ms A 3/1/1-Ms. 5720, p. 156-159, RISM A/II ID no. 400.219.201)

Anhang 3: Notenedition Allegro, Anonymus
(ca. 1820, CZ-MB, Sign. 291-F1-2, Stück Nr. 52 in der Hs., RISM A/II deest <13. 1. 2013>)

Anhang 4: Revisionsbericht zu den Noteneditionen nach A-RTgh, CH-MÜ und CZ-MB

Anhang 5: Synopse: Die Fassungen des Allegro molto in A-RTgh, CH-MÜ und CZ-MB

Anhang 6: Faksimile des Allegro molto (A-RTgh, Sign. Mus.ms. Slg. IgDr 1, fol. 6v-7v)

Anhang 7: Faksimile des Allegro (CH-MÜ, Sign. Ms A 3/1/1-Ms. 5720, p. 156/Anfang des Stücks )

Anhang 8: Faksimile des Allegro (CZ-MB, Sign. 291-F1-2, Stück Nr. 52, Anfang)

Eine von Hildegard Herrmann-Schneider kommentierte Faksimile-Druckausgabe
mit Übertragung des Allegro molto ist in Vorbereitung; weitere Literatur s. d.